Spree und Havel unter den Erwartungen der EU
Kein einziger Messpunkt an Spree oder Havel erreichte laut Behördenangaben einen „guten ökologischen Zustand“. An 8 von 56 untersuchten Stellen wurde die schlechteste Bewertung („Note 5“) vergeben, weitere 27 Punkte erreichten nur „Note 4“. Das bedeutet: Mehr als 60 Prozent der getesteten Gewässerabschnitte erfüllen nicht die Mindeststandards der EU-Wasserrahmenrichtlinie.
Diese EU-Richtlinie aus dem Jahr 2000 verpflichtet die Mitgliedsstaaten, eine „gute“ Wasserqualität bis spätestens 2027 zu erreichen. Bei Nichterfüllung drohen finanzielle Sanktionen. Die letzte großflächige Bewertung in Berlin und Brandenburg zeigt jedoch eine anhaltende Stagnation – oder sogar Verschlechterung der Lage.
Die Bewertung basiert auf mehreren Parametern:
- biologische und chemische Wasserqualität
- Algen-, Pflanzen- und Fischbesiedlung
- Gehalte an Phosphor und Stickstoff
- Belastungen durch Altlasten, insbesondere aus DDR-Zeiten
Verantwortlich sind vor allem industrielle Einleiter, intensive Landwirtschaft und veraltete Kanalsysteme. Auch Sedimente mit Schwermetallen tragen zur schlechten Wasserqualität bei.
Einfluss des Klimawandels und der Schifffahrt auf die Wasserstände
Die Folgen des Klimawandels verstärken die bestehenden Probleme deutlich. In beiden Flüssen ist der Wasserstand laut Messdaten um bis zu 50 Prozent zurückgegangen. Weniger Wasser bedeutet auch:
- geringere Fließgeschwindigkeit
- sinkende Selbstreinigungskraft
- steigende Wassertemperaturen
- höhere Nährstoffkonzentrationen
Die geringe Strömung wirkt sich unmittelbar negativ auf alle Organismen aus, die auf sauerstoffreiches, bewegtes Wasser angewiesen sind. Fische, Wasserpflanzen und wirbellose Tiere verlieren Lebensräume. Gleichzeitig wird die Vermehrung von Blaualgen gefördert – wie zuletzt im Wannsee, wo im Sommer großflächige Teppiche entstanden. Diese Bakterien können giftige Stoffe abgeben und sind gesundheitsschädlich für Mensch und Tier.
Ein weiterer Faktor ist die massive Regulierung der Wasserläufe zur Sicherung des Warenverkehrs. Die Spree und Havel sind nahezu durchgehend aufgestaut. Nur auf wenigen Kilometern fließen sie frei, z. B. zwischen Fürstenwalde und Erkner oder zwischen Zehdenick und Malz. Diese Abschnitte zeigen bessere ökologische Zustände – allerdings auf einem sehr begrenzten Raum.
Städtische Einflüsse und Altlasten verschärfen das Problem
Vor allem Berlin kämpft mit systembedingten Belastungen. Die Innenstadt-Spree leidet nach wie vor unter dem Mischwasserkanalsystem: Bei Starkregen gelangt ungeklärtes Abwasser zusammen mit Straßenschmutz in die Flüsse. Bakterien zersetzen diese Verunreinigungen unter hohem Sauerstoffverbrauch – was zu Sauerstoffmangel führt, im Extremfall zu Fischsterben.
Weitere städtische Probleme sind:
- Wellenschlag durch Fahrgastschifffahrt zerstört Wasserpflanzen
- Fehlende Fischwanderhilfen behindern den Artenaustausch
- Eintrag von Mikroplastik, Medikamenten und Kosmetika
Jährlich werden über 400 Tonnen Müll aus Berliner Gewässern geborgen. Laut Britta Behrendt, Staatssekretärin für Klimaschutz und Umwelt, braucht es ein respektvolleres Verhalten der Bevölkerung im Umgang mit Wasser. Dazu gehört auch der bewusste Umgang mit Ressourcen und die Vermeidung von Abfällen.
Renaturierung als Hoffnungsträger – Beispiel Untere Havel
Trotz der kritischen Gesamtlage gibt es erfolgreiche Renaturierungsprojekte. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) treibt mit Unterstützung des Bundes und der Länder Brandenburg und Sachsen-Anhalt ein großangelegtes Programm zur Wiederherstellung naturnaher Gewässerabschnitte voran. Besonders fortgeschritten ist das Projekt an der Unteren Havel bei Havelberg.
Rocco Buchta, Projektleiter des NABU, erklärt: Durch Maßnahmen wie:
- Rückbau von Uferbefestigungen
- Förderung von Schilfzonen
- Anpflanzung von Auenwäldern
- Wiederherstellung natürlicher Flussmäander
konnte die ökologische Qualität bereits spürbar verbessert werden. In diesen Abschnitten ist Angeln, Baden und Naturerleben wieder möglich, ohne Angst vor Schadstoffen oder Überschwemmungen. Die betroffenen Gemeinden unterstützen das Projekt inzwischen aktiv, nachdem sie anfangs skeptisch waren.
Diese Maßnahmen zeigen, dass eine Verbesserung erreichbar ist – wenn sie konsequent umgesetzt wird. Aber laut Jean Henker, Referatsleiter im Umweltministerium in Potsdam, fehlt es oft an Fachpersonal, Planungskapazitäten und Finanzierung. Bürokratische Hürden verzögern viele Vorhaben zusätzlich.
EU-Ziele weit entfernt – Sanktionen absehbar
Europaweit sind laut Umweltbundesamt erst 37 Prozent der Gewässer im Einklang mit den Zielen der EU-Wasserrahmenrichtlinie. In Skandinavien sind die Quoten höher, doch insbesondere in Südeuropa und Teilen Deutschlands liegt die Umsetzung zurück. In Berlin und Brandenburg ist ohne drastische Maßnahmen eine Zielerreichung bis 2027 unrealistisch.
Mögliche Konsequenzen:
- Kürzung von EU-Fördermitteln für Umweltprojekte
- Verlust weiterer Lebensräume für Tiere und Pflanzen
- Einschränkungen für Erholung, Fischerei und Tourismus
Folgende Maßnahmen gelten als notwendig, um die Lage zu verbessern:
- Ausbau von Kläranlagen
- Dezentrale Regenwasserbewirtschaftung („Schwammstadt“)
- Entfernung künstlicher Flussbegradigungen
- Förderung naturnaher Uferstrukturen
- Reduzierung von Schadstoffeinträgen aus Landwirtschaft und Industrie
Die Zeit drängt. Ohne sofortige und umfassende Gegenmaßnahmen wird Berlin und Brandenburg die EU-Vorgaben nicht einhalten können. Die ökologische Wasserampel steht auf Rot – und der Handlungsdruck steigt.
Quelle: RBB24, www.extratimeout.com/de